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Die Bücher meines Lebens

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buechervorstellung

Mit dieser Serie möchte wir euch immer eins unserer Lieblingsbücher vorstellen. Heute mache ich den Anfang.

Bücher, Literatur, Geschichten; ein Teil von mir. Leidenschaft, Entspannung, Entdecken. Ich lese nicht nur gerne, ich habe Literatur auch noch studiert. 2005 habe ich mich bewusst für Literatur entschieden. Genauer gesagt die spanische und italienische Literatur. Wenn man es ganz genau nimmt, bin ich sogar Literaturwissenschaftlerin, aber das interessiert heutzutage eher wenige. Anders als viele, habe ich mich nicht für ein Germanistikstudium entschieden, sondern für die Romanistik. Warum? Weil ich die beiden Sprachen so schön fand und sie lernen wollte.

Was mir das Studium gebracht hat? Eine große Liste spannender, lesenswerter und lehrreicher Bücher (von denen ich bis heute bei Weitem noch nicht alles geschafft habe) und einen anderen Blick auf die Literatur. Die 11 Semester haben mir gezeigt, dass viele Bücher nicht einfach nur geschrieben wurden, sondern fast immer innovative, kreative, revolutionäre und augenöffnende Ideen in sich trugen, für die die Autoren manchmal auch um ihr Leben fürchten mussten. Neue Weltbilder, selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen, wissenschaftliche Innovationen, die sich gegen die Religion stellten, Regimegegner, die für ihre Ideale eintraten oder psychisch labile einsame Menschen, die an der eigenen Identität scheitern….all diese Geschichten halten der Gesellschaft den Spiegel vor Augen und zeigen neue Wege auf, haben die Zeit oftmals revolutioniert.

Alberto Moravia (1907-1990)  „La noia“ (Die Langeweile) von 1960

Das fängt ja gut an, ein Buch über die Langeweile! Aber meines Erachtens alles andere als langweilig. Ein psychologisch-realistischer Roman, der die Phänomene moralischer und seelischer Auszehrung darstellt.

Der 35 jährige römische Maler Dino, der durch das Geld seiner Mutter ohne Existenzsorgen lebt, wird von existentieller Langeweile geplagt. Er distanziert sich vom gesellschaftlichen Leben, dass er verachtet und lebt zurückgezogen in seinem Atelier in völliger Passivität, Aufgabe und Überdruss – ein Gefühl, dass ihn schon seit der Kindheit begleitet: „Soweit meine Erinnerung zurückreicht, habe ich immer an der Langeweile gelitten. […] Für viele Menschen ist die Langeweile ganz einfach das Gegenteil von Unterhaltung;[…]Für mich ist die Langeweile eine Art Ungenügen oder Unangemessenheit oder Spärlichkeit der Realität. […] Die Langeweile entsteht in mir aus dem Gefühl der Absurdität einer Wirklichkeit, […] die mich nicht von ihrem wirklichen Dasein zu überzeugen vermag. […] die Langeweile im Grunde ein Fehlen der Beziehungen zu den Dingen ist […]auch ein Fehlen der Beziehungen zu mir selber.“

Letztendlich gibt er auch die Malerei aus dem Gefühl der Sinnlosigkeit auf. Er sieht sich als eine Ruine oder Trümmerrest. Er empfindet nur noch Widerwillen, Ekel und Abscheu mit seinem Leben.
Dann lernt er die 17-jährige Cecilia kennen, die sein Leben in den Grundfesten erschüttert. Cecillia: zwiegespalten, schlicht, gleichgültig und unfähig die Welt um sich herum wahrzunehmen und Gefühle zu entwickeln. Sie betrügt ihn und er verfällt ihr zunehmend, versucht in ihr Seelenleben einzudringen, um dadurch dem Käfig der Langeweile zu entfliehen, sie zu besitzen. Auf einen Mordversuch folgt ein Selbstmordversuch und darauf das Erwachen. Verletzt betrachtet er einen Baum: „[…]ich freute mich, dass sie existierte […] sie war außerhalb von mir, so wie ich außerhalb von ihr war. Und alles in allem: ich wollte sie nicht länger besitzen, sondern sie nur leben sehen, so wie sie war […] sie genauso anschauen, wie ich den Baum im Fenster anschaute.“

Der gesamte Roman hat fast keine Handlung, dennoch hat er mich total fasziniert. Die genaue Beobachtung seelischer Trümmerhaufen, der absoluten Unfähigkeit mit der Realität in Kontakt zu treten – spannend und aufschlussreich. Der Maler Dino ist gefangen in seiner Gleichgültigkeit und Langeweile, seiner Traurigkeit und Einsamkeit, unfähig sich daraus zu befreien und auf so viele Menschen adaptierbar. Spiegel einer Gesellschaft (damals und heute) und für mich so interessant in die dunklen Tiefen der menschlichen Seele abzutauchen, die oftmals so böse, traurig, einsam und unbedarft ist. Moravia versteht es wirklich die selbstreflektierenden Gedanken des Protagonisten ins Detail zu beschreiben und auseinander zu nehmen.

„La noia“ ist kein Mainstream-Buch, zählt nicht zu den Neuerscheinungen der Bestsellerlisten, aber für mich absoluter Favorit!

Hier noch zwei Zitate von Moravia, die ich in einem Interview gefunden habe und die viel über den Autor aussagen.

Interviewer: Kierkegaard sagt, der Unterschied zwischen Mensch und Tier sei die Verzweiflung. Ein Tier ist niemals verzweifelt.

Moravia: Ich kenne Kierkegaard. Ich habe alles gelesen, und ich stimme völlig mit ihm überein. Die normale Verfassung des Menschen ist die Verzweiflung. Theoretisch müßte der Mensch unterbrochen verzweifelt sein. Aber glücklicherweise ist er eben zu fünfundneunzig Prozent Tier. Das ist seine Rettung. Sonst würde es ihn gar nicht mehr geben, weil sich die Menschheit aus Verzweiflung längst umgebracht hätte. Ich will damit nicht sagen, daß es mir etwas ausmachen würde, wenn es keine Menschen mehr gäbe. Nur: Es wäre eben dann eine Welt ohne Menschen.

Moravia: Jeder soll tun, was ihm Spaß macht. In gewissem Sinne bin ich gegen nichts und für alles. Es gibt viele Wege, ein Mensch zu werden… oder ein Wurm.

 

Juliane Großmann

30 Jahre, ist selbstständige Journalistin, Texterin und Illustratorin. Wenn sie nicht gerade von Meer und Sand träumt, jongliert sie mit der deutschen Sprache oder dem Fineliner.


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